Internetpräsentation der IG Weißeritztalbahn e.V.
    

Ausgewählte Links

Rachenputzer am Dampfross

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Samstag, 20. August 2011

Auch eine Dampflok muss mal duschen. In der Lok-Werkstatt der Sächsischen Dampfeisenbahngesellschaft in Freital-Hainsberg werden die Loks der Weißeritztalbahn gewartet. Hier säubert Schlosser Gerd Lindner mit einem speziellen Sprühkopf die Rauchkammer von Lok 71. Fotos: Thorsten Eckert (4)

 

Von Jörg Stock
Die „71“ steht da und macht die Klappe auf. Ich dachte immer, dass hinter dem Frontdeckel einer Dampflok Glut lodert oder Wasser brodelt. Oder sonst etwas Elementares passiert. Doch die Innereien sind ganz profan: Leitungen, Öffnungen, Rohrbündel und viel Luft. Ein Mann in blauer Montur naht. Er hat eine Art Lanze im Anschlag, aus ihrer Spitze sprüht Wasser. Heute ist Waschtag. Und so schiebt er das Gerät zwischen die eisernen Rippen der Maschine.

Auch Dampfrösser brauchen mal eine Verschnaufpause. Die Zugpferde der Weißeritztalbahn werden in einem Lokschuppen in Freital-Hainsberg gepflegt. Nach vierzig Tagen unter Dampf muss jede Lok hier einrücken. Dann ist eine lange Liste vorgeschriebener Wartungsarbeiten zu erledigen. Und dann wird repariert, was den Lokführern an Mängeln während der Fahrten aufgefallen ist.

Dusche für die Rauchkammer

Der Lokschuppen ist eine große Halle. Es zischt und quietscht, ein Kompressor rattert. In der Luft liegt der beißende Dampf einer Lokomotive, die grade beim Rangieren ist. Aber die Gase hier drin sind nicht schädlich, sagt der Mann in der blauen Montur. Leute, die hier gearbeitet haben, sind über neunzig geworden, sagt er. „Und unterm Dach nisten die Vögel.“

Gerd Lindner, 44, ist seit 1986 Eisenbahner. Er kann auch Loks fahren. Aber meistens arbeitet er hier in der Hainsberger Lokwerkstatt als Schlosser. Nun hat er also die „71“ in Arbeit. Sie ist eine von drei Dampflokomotiven, die zwischen Freital und Dipps für die Sächsische Dampfeisenbahngesellschaft unterwegs sind. Die „71“ wurde 1952 im VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ in Babelsberg gebaut. Sie wiegt mehr als 50 Tonnen.

Eine der wichtigsten Prozeduren bei der Lok-Wartung ist die Kesselreinigung. Aber was Gerd Lindner jetzt mit seiner Lanze duscht, ist gar nicht der Kessel, sondern die Rauchkammer. In der Rauchkammer treffen die Verbrennungsgase aus dem Ofen, der Feuerbüchse, wie der Fachmann sagt, und der verbrauchte Dampf aus den Zylindern aufeinander und fauchen zusammen zur Esse hinaus.

In der Rauchkammer ist Lindner so gut wie fertig mit dem Putzen. „Sonst wäre hier alles voller Ruß“, sagt er. Manchmal verstopfen Kohlestücke die Röhren, die zur Feuerbüchse führen. Das behindert dann den Durchzug und das Anfachen des Feuers. Also müssen die Kanäle mit einem langen Metallstab, der „Nadel“, durchgestoßen werden.

Jetzt geht es aber wirklich an den Kessel. Dazu hantiert Gerd Lindner aber erst mal ganz oben auf der Lok. Er hat den Deckel vom Speisedom abgeschraubt. Der Speisedom hat nichts mit essen zu tun. Die Vorrichtung sitzt unter einem der markanten Höcker und versorgt den Kessel mit Wasser. Da drinnen, an sogenannten Rieselrosten, setzt sich allerhand Dreck ab. Die Kruste ist hart und muss mühsam abgeschlagen werden, sagt Lindner, eine Arbeit wie im Steinbruch.

Unter dem Speisedom steht noch Kesselwasser. Der Kessel wird erst abgelassen, wenn der Dom sauber ist. So werden herabgefallene Krustenteile gleich mit rausgespült. Bei der eigentlichen Kesselreinigung geht es aber um einen viel ärgeren Feind: den Kesselstein. Das sind Ablagerungen derjenigen Stoffe, die das Wasser „hart“ machen, also vor allem Kalk. Wo sich Kalkstein festsetzt, ist die Kühlung schlecht. Und wo schlechte Kühlung ist, kann der Kessel glühen und im schlimmsten Fall bersten.

Kalk im Schlamm gefangen

Die Bimmelbahner haben Mittel dagegen: Soda und Skiamid, ein Holzextrakt. Zum Speisewasser gegeben bewirkt das, dass der problematische Kalk nicht als harte Kruste abgeschieden wird, sondern als Schlamm. Lindner zeigt verschlossene Öffnungen unter der Lok. Das sind die Waschluken des Kessels. Durch diese Öffnungen wird der Schlamm, den Schlosser Lindner als „weißliche Pampe“ beschreibt, herausgespült.

Die Kesselreinigung dauert zwei Tage. Dann ist, wie gesagt, noch lange nicht Schluss. Lindner verliest die Hinweise der Lokführer: „Feuertür ausrichten, Anstellventil Lichtmaschine undicht, linkes hinteres Treibstangenlager nacharbeiten…“. Ein Monat wird ins Land gehen, bis die „71“ ihre Kur hinter sich hat. Danach darf es die alte Dame gemächlich angehen lassen. Sie bleibt in Reserve, bis die nächste Lok ihre vierzig Diensttage voll hat.
Artikel-URL: http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2841734

Print Friendly, PDF & Email